Die Reisegruppe musste heute geteilt werden, denn während eine Hälfte im gemütlichen Oldtimer Renault Bus die versteckten Schönheiten von Antwerpen entdecken durften (wie zum Beispiel die Street Art Gallerie), sind die Anderen aufs Rad gestiegen und haben die flache Topologie der Stadt ausgenutzt. Wobei es auch in dieser letztgenannten Gruppe zwei Ausnahmen gab, die sich gemütlich im Lastenfahrrad chauffieren ließen (im "Speisewagen" mit Pizza - eine Gemeinheit!). Man kann sich kaum vorstellen wie angenehm Fahrradfahren ist, wenn der höchste "Hügel" auf der Strecke 6m hoch ist - es geht gefühlt immer Bergab. Damit hatte man auch auf 2 Rädern genügend Zeit rechts und links bei europäischem Sommerwetter (Sonnenschein) die Schön- und Seltenheiten der Stadt zu entdecken: ein englischer Garten (fast ohne Wasser wegen Bauarbeiten!), ein 600m langer Fahrradtunnel unter dem Fluss Schelde mit Fahrradrolltreppen und -Aufzügen und natürlich die wunderschönen Altstadthäuser und Jugendstilvillen.

Nach dieser erfrischenden Tour machten wir uns auf zum letzten Konzert der Tour mit der musikalischen Familie Van Gool. Die Van Gools sind bereits alte Bekannte - der Vater Stefaan ist Forscher und kämpft gegen Kinderkrebs. Auf einer Tagung stieß er auf unseren Basssaxophonisten Stefan Pfister und irgendwann war die Idee geboren einmal zusammen ein Benefizkonzert zu veranstalten. Das Konzert am Abend war die vierte Auflage dieser fixen Idee und entsprechend groß war die Wiedersehensfreude. Wie gewohnt sangen und spielten die 4 Töchter des Ehepaars Van Gool zusammen mit den Eltern auf einmalige Art und Weise und verzauberten mit Farbstimmungen, projizierten Gemälden und Musik die Zuhörer. In der zweiten Hälfte waren wir an der Reihe - der Theatersaal hatte leider eine sehr trockene Akustik was uns etwas zu schaffen machte. Unser Highlight war wahrscheinlich das Solostück der jüngste Tochter Stefanie die wir auch schon seit Jahren begleiten. Mittlerweile studiert sie Querflöte und bot eine beeindruckende Darbietung von Mozarts Flötenkonzert die es zart und leise zu begleiten galt. Am Ende, nach den beiden gemeinsamen Schlussstücken, gab es Standing Ovations für die Musiker.

Beim Aufbruch musste dann (wieder einmal) alles etwas schneller gehen, denn Oliver benötigt mindestens 9 Stunden Pause bevor die Fahrt am nächsten Morgen um 9 Uhr weiter gehen kann. Außerdem annoncierte auch die Hotelbar um 12 die letzte Bestellung. Zehn vor Zwölf waren wir schließlich am Hotel (es war nicht 5 vor 12!). Genau Rechtzeitig um die Tour gemütlich und wahrlich in Ruhe ausklingen zu lassen.

 

Nach einer vergleichbar langen Nacht ging es um 10.15 Uhr los zur Kirche "St Mary-in-the-hills", welche gerade einmal 600m Luftlinie von der Tower Bridge entfernt liegt. Zusammen gefasst: Mitten drin (oder wie Wikipedia es schreibt: "Die Kirche ist so vom engen Straßennetz der City of London umgeben, dass es quasi unmöglich ist, mehrere Seiten auf einmal zu sehen. Selbst der Kirchturm ist nur von Westen aus sichtbar."). Um 11 sollten wir eigentlich dort sein und den Soundcheck beginnen, doch da hatten wir den Londonder Verkehr erheblich unterschätzt. Durch den gefühlt durchgängigen Stau kamen wir erst deutlich verspätet an. Schnell ausladen, kurz dem Londoner Saxophon Choir die Hand schütteln, Aufbauen und dann in Rekordzeit an die Akustik gewöhnen. Die Kirche selbst stammt vom gleichen Architekt wie die deutlich bekanntere St Pauls Kathedrale und die Ähnlichkeiten waren daher nicht von der Hand zu weisen: Eine Kuppel, Halbrunde Fenster, nur alles etwas Kleiner. Trotz der geringen Vorbereitungszeit war das Konzert selber ein großer Erfolg. Die Zuhörer waren begeistert, wir hatten tolle neue Kontakte und konnten auch einige Inspirationen von unseren Gastgeber für zukünftige Stücke mitnehmen.

Nächster Halt: Tower Bridge. Voll bepackt mit Saxophonen liefen wir durch die Menschenmassen in Richtung der ikonischen Brücke um dort noch ein schnelles Abschiedsfoto von der Hauptstadt zu machen - schließlich scheinte die Sonne was sogar unserem Briten Harry ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Überraschend an der Stelle war jedoch die Reaktion der uns beobachtenden Londoner: Keine! So als sei es alltäglich, dass einfach mal 20 Saxophonisten über die Straßen marschieren.

Das Verkehrsproblem war jedoch noch nicht gänzlich aus dem Kopf verschwunden. Für die kurze Strecke von der Kirche zum Parkplatz (600m) benötigte Oliver eine Stunde. Da die Fähre am Abend fuhr war ein Beladen des Busses an der Kirche keine Option. Also liefen wir erneut durch die gefühlt noch stärker gefüllten Straßen, nur dieses mal auch mit zwei Pauken und dem restlichen Zubehör. Als endlich alles verstaut war konnten wir gemütlich (im Sinne von "wie am vorherigen Abend") eine Kleinigkeit Essen um schließlich erneut im Schritttempo durch die Straßen zu tuckern.

Zur allgemeine Erleichterung verpassten wir die Fähre nicht und während sich hinter uns die weißen Felsen von Dover entfernten blickten wir auf das sonnige Frankreich. Spätestens auf dieser Seite des Ärmelkanals wurde es im Bus stetig ruhiger - bis... ja bis Oliver uns mit der Nachricht: "Wir sind dann mal da!" aus dem Schlaf riss.

 

Am heutigen Tag drehte sich alles um London - genauer darum, die Hauptstadt mit allen Sinnen zu erleben. Zugegeben, das Riechen war keine große Freude, denn auf intensiv süßen Parfümduft folgten direkt Urindämpfe. Um London zu sehen und zu fühlen, folgten wir ab 10 Uhr unserer Führerin Julia, die uns mit sympathisch österreichischem Akzent sowie viel Trivia und Fachwissen durch kleine Gässchen, vorbei an alten Kirchen (St. Pauls Cathedral), neuen Glaskästen (mit tollen Trivialnamen wie "Käsereibe", "Walkie Talkie" oder "Gurke"), brutalistischen Betonklötzen und mehrfach über die Themse führte. Doch auch für die London- (und Portsmouth-)Experten waren einige spannende Perspektivwechsel dabei, denn viele der Dachterrassen sind kostenlos zugänglich und bieten einen überraschend frischen Blick auf die altbekannten Sehenswürdigkeiten. Nach insgesamt 25000 Schritten fühlten wir die Hauptstadt in Form eines leichten Ziehens in den Beinen und hatten viel gesehen. Die Ausnahme: Der Elisabeth Tower (mit der Big-Ben Glocke), der mit einer äußerst ansehnlichen Außenhülle versehen war ("Magnificent", siehe Bild).

Zur Mittagspause gab es für manche eine musikalische Auszeit in Form des traditionellen Lunchkonzerts in der (hauptsächlich durch das gleichnamige Orchester) berühmten Kirche "St Martin-in-the-fields". 35 Minuten lang faszinierte ein 9-stimmiger Kammerchor mit englischer Vokalmusik. Lupenreine Intonation, ein enormer musikalischer Ausdruck und ein Stück, das mit einem Orgel-Basston begann, den man mehr fühlte als hörte, während sich im Sopran eine wunderbare Melodie entwickelte. Schlicht und einfach toll. In der Krypta der Kirche gab es dann das zugegeben etwas makabere Vergnügen, auf alten Gräbern zu Mittag zu essen (schon zuvor fiel uns auf, dass englische Kirchen hier etwas offener sind, auch was Shops und Cafes in den Kirchenräumen angeht).

Zur Erholung der Beine war ab 16.30 Uhr Schlange stehen angesagt (very british), denn eine Fahrt mit dem London Eye brachte uns wieder hoch hinaus (heute "The Coca-Cola London Eye"). Obgleich auf den Tickets 16.30 Uhr stand, hieß diese Zeitangabe lediglich, dass wir uns in die zweigeteilte Schlage anstellen durften, in der es leider keine Cola zu erstehen gab. Dieser Umstand, zusammen mit Verspätung der Underground (gleich einem Supergau in London), sorgte im weiteren Abendverlauf für kleine Verzögerungen. Die Konsequenz: Uns blieben nur 45 Minuten, um im Londoner Kultur- und Betonbunker "Barbican" ein 3-Gang Menü "in Ruhe" zu genießen. Dank der hervorragenden Organisation des Restaurants (zum Beispiel Platzkarten mit den Menüwahlen) gelang dies tatsächlich und wir konnten schließlich entspannt die 3.5 Stockwerke nach unten gehen und unsere Plätze (ausnahmsweise im Publikumsbereich) einnehmen zum akustischen Höhepunkt des Tages: einem Konzert mit dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Sir Simon Rattle. Auf die Bühne haben wir es hier zwar nicht geschafft, aber immerhin ins Programmheft.

Das LSO wurde dabei durch Musikstudenten unterstützt, so dass in Summe zwei komplette Symphonieorchester (12 Kontrabässe! Das klangliche Äquivalent von 3 Basssaxhonen!) auf der Bühne saßen, die durch die wiegenden Locken des "Maestros" von Höhepunkt zu Höhepunkt geführt wurden. Neben Bruckners 4. Symphonie standen auch Vaughan Williams' Fantasie für Doppel-Streichorchester und Graingers "Lincolnshire Posy" für Blasorchester (übrigens 6 Saxophone auf 60 andere Bläser und nur ein Bass-Saxophon!) auf dem Programm. Folgende Dinge sind an dieser Stelle anzumerken: Erstens sind wir von Harry einen deutlich klareren Dirigierstil gewohnt, welcher vielleicht auch hier an mancher Stelle geholfen hätte. Zweitens machen auch Profis Fehler, was wir erleichtert zur Kenntnis nehmen durften. Und drittens gibt es dieses "zu laut", das von Harry manchmal erwähnt wird, anscheinend wirklich (zumindest, wenn 120 Streicher im 3-fachen Forte einsteigen). Vor allem das erste Stück konnte aber mit den intensiven Streicherklängen, die von leise flimmernd bis klangvoll laut changierten, restlos überzeugen.

 

Leider ohne Zeit für ein ausgiebigeres Frühstück (lecker Frühstücksbox für Puristen - wo ist die englische Küche wenn man sie mal benötigt) ging es um 8.30 Uhr zum Beladen des Busses. Nicht nur für die Fahrt nach London, sondern vor allem für den Workshop in einer englischen Grundschule. Die Dirigentin der Sax Maniacs unterrichtet dort und lud uns nicht nur ein den größeren Kindern eine klangreiche Einführung in die Welt der Saxophone zu geben, sondern auch in der großen Versammlung aller Schüler zu spielen. In der Turnhalle bauten wir in aller Schnelle unsere Instrumente auf und noch bevor das Programm bekannt gegeben werden konnte, stürmten die Kinder in den Saal.

Die erste Begegnung war bereits eine große Freude, im Besonderen wenn große Kinderaugen einen anschauen und sagen "Excuse me, I didn't understand a single word you just said. I thought you're speaking french!". Die Kinder waren die gesamten 45 Minuten mit großer Begeisterung und Aufmerksamkeit bei uns und unseren Instrumenten. Wir präsentierten alle Instrumente, wobei das Bass-Saxophon natürlich Erstaunen und Faszination auslöste ("Uhhhhhhhhhh it's even bigger!!!!!!!"), machten eine kurze Rundreise durch die klassische Musik und ließen sogar die Kinder das Tempo bestimmen (und es war schnell!). Danach kamen auch die unteren Klassen dazu und hundert große Kinderaugen schauten uns, die Besucher aus dem "fernen" Deutschland, an. Hier verbindet Musik wirklich Völker und Generationen - definitiv ein Konzert das in Erinnerung bleibt, auch weil das Bariton-Saxophon nun endlich den passenderen Namen gefunden hat: "Biggie"!

4 Stunden, einem schlechten Autobahnessen, viel Regen und einem schnellem Einchecken später, ging es schließlich in das Zentrum der Hauptstadt, denn wir wollten hoch hinaus. Genauer auf "the Shard", das höchste Gebäude Europas, wo nicht nur eine tolle Aussicht auf den bewölkten Himmel (und die Stadt) sondern auch Champagner wartet. Um es vorwegzunehmen: es fühlt sich genau so dekadent an, wie man vermuten könnte. An dieser Stelle lassen wir einfach die Bilder für sich sprechen, denn der Ausblick auf die dichten Straßen, Zugtrassen, aufragenden Gebäuden und die Themse ist schwer in Worte zu fassen.

Morgen werden wir die Stadt, wie wahres Fußvolk, von unten und zu Fuß entdecken.

 

Nachdem das kleine Frühstück (britisches Boxformat: Orangesaft, Milch, Cornflakes, Orangenmuffin. Nichts sonst!) gestern nicht jedem ausgereicht hat, fiel das externisierte Frühstück heute bei vielen etwas größer aus. Frisch gestärkt ging es dann an die Stadtführung die sachlich sehr schön war (York ist einfach eine tolle Stadt), aber leider etwas bruchstückhaft im Vortrag (Abzug in der B-Note). So oder so genossen wir die Stadt mit einem ungewöhnlichen Gast: Der Sonne. Zu sehen waren kleine mittelalterliche Gässchen, die wohl als Inspiration für nicht näher benannte Zauberer-Fantasyromanen (früher übrigens die Metzgergasse, heute Fachgeschäfte für Zauberstäbe) dienten, das gigantische gothische Münster mit den großen Glasflächen, Ruinen von Römern, Vikingern, Normannen und Angelsachsen, sowie kulinarische Freuden wie Gin, Sandwiches, Yorkshire Pudding, Scones und natürlich auch das ein oder andere Eis.

Der restliche Nachmittag war zur freien Verfügung. Diese Gelegenheit nutzten manche für einen romantischen Spaziergang durch die Stadt oder die Kathetrale, andere zogen dem die Eisebahnromatik vor und besuchten das bekannte Yorker Eisenbahnmuseum mit Zügen und... Lokomotiven.

Am Abend war schließlich das Gemeinschaftskonzert mit den Sax Maniacs unter Leitung von Diane Beal angesetzt. Die eigentlich über 20 Saxophonisten (das größte Ensemble im Norden Englands) steckten uns mit ihrer Freude am Musizieren direkt an. Ein großes Willkommen, eine freundliche Stimmung und dazu noch gemeinsames Muszieren: So macht Völkerverständigung Spaß. Entsprechend positiv war der Abschied von einem weiteren Partner-Ensemble.

Morgen dürfen wir noch einmal mit Diane Musik machen, denn wir gestalten einen Worshop in der Schule in der sie unterrichtet. Danach geht es auf die längere Fahrt zur Wirkungsstätte des deutschen Komponisten G.F. Handel (London).